Von Wellen und WiFi – Workation in Marokko

Die Arbeit mit in den Urlaub nehmen? Für viele immer noch undenkbar. Für viele andere hingegen gelebter Alltag. An jeder Ecke ist die Rede von den arbeitenden Urlaubern oder urlaubenden Arbeitern ohne festen Wohnsitz und der Suche nach maximaler Freiheit.

Immer mehr Menschen haben mittlerweile die Möglichkeit Ihren Job oder Ihre Arbeit von jedem Ort der Welt zu erledigen und schätzen die Freiheit dies dort zu tun, wo es für sie am lebenswertesten ist. Ich arbeite seit nun mehr als drei Jahren freiberuflich und ortsunabhängig, habe bisher Urlaub und Arbeit aber strikt voneinander getrennt. Zwei Wochen, so denke ich mir scheint ein angebrachter Versuchsrahmen der Frage auf den Grund zu gehen, ob sich Arbeit und Surftrip miteinander kombinieren lassen.
Neben 18° und Regenwetter empfängt mich eine mit beispielloser Ordentlichkeit gebildete Schlange der beigegetarnten TUI-Kunden vor dem Immigration Schalter. Nachdem auch die letzte Bürokratische Instanz des Einwanderungskontrollbeauftragten mit etwas Diskussion ob des Zustandes meines Reisepasses über die Bühne ging, stehe ich offiziell mal wieder auf marokkanischem Boden. In schā’a llāh!

Marokko ist neben Andalusien und den Kanaren seit Jahren eine der beliebtesten Winterdestination betuchter Golfer sowie campingliebender Luxusrentner die Ihre fahrenden Einfamilienwohnungen inklusive Smart-Garage die Küste rauf- und runter kutschieren.

Seit den 60ern zieht Marokko aber auch Surfer aus aller Welt in die vor allem südlichen Regionen mit seinen zahlreichen Weltklasse-Pointbreaks. Die Temperaturen im Winter fallen selten unter 20°C, was für viele Surfer-, Aussteiger und sonstige Winterflüchtlinge der Grund ist, in Marokko Ihren Traum vom Endless Summer zu leben.

Campervans und Aussteigermobile wie hier am km 11 sieht man in Marokko recht häufig.

Von Endless Summer merke ich leider gerade nicht viel und wie mir mein Taxifahrer in besserem Deutsch, als meinem französisch bestätigt, regnet es nicht erst seit heute und das soll auch erstmal so bleiben. Mein Ziel heißt Tamraght: Mein Bloggerkollege Thomas von GetWetSoon veranstaltet hier sein zweiwöchiges Surf & Yoga-Retreat.

Zumindest für letzteres eignet sich die Region um Taghazout zu dieser Zeit recht gut: Die Wellensaison beginnt etwa ab Mitte September/Anfang Oktober und geht bis zum Frühjahr. Vom weltbekannten Anchor Point, bishin zu entspannten Beachbreaks bietet Taghazout im direkten Umkreis mindestens 15 Surfspots für alle Ansprüche.

Kein Wunder, dass sich das kleine, ehemalige Fischerörtchen vollkommen auf Surftourismus eingestellt hat – mit allem was an Annehmlichkeiten und Nebenwirkungen dazugehört. Der Ortskern besteht eigentlich nur aus einer Hauptstraße an der sich eine Handvoll Surfshops, Cafés bzw. Restaurants und Unterkünfte für Surfer angesiedelt haben. Auf der Hauptstraße knattern Laster lautstark durch den Ort und hier und da kreuzt eine Herde Ziegen mal den Weg. In zweiter und dritter Reihe bilden enge Gassen ein buntes Labyrinth, welche zu erkunden es sich lohnt.

Anchor Point – hier trennt sich an guten Tagen die Spreu vom Weizen

Arbeiten im Urlaub? Der reinste Stress.

Nach einiger Zeit stelle ich für mich fest: So einfach ist das gar nicht mit dem konsequent arbeiten unter lauter Urlaubern. Viele neue Gesichter, jeden Tag was neues zu erleben, stetiger Trubel um einen herum und die Wellen sind auch fast durchweg gut. „Morgen wird es sicher schlechter, also schnell lieber nochmal ins Wasser“ sage ich mir mehrfach selber, versuche das nicht-geschaffte noch schnell nach dem Abendessen im Bett zu erledigen und merke nicht nur aufgrund der Krümel im Laptop, wie ein Gefühl von Stress entsteht, dem geplanten Tagesrythmus nicht so konsequent folgen zu können wie ursprünglich geplant.
Da dies meine erste „Workation“ war, bin ich relativ naiv an die Sache gegangen.
Ich hatte zwar Arbeit zu erledigen, aber zu meinem Glück nichts, was eine stabile highspeed-Connection erforderte. Ich konnte also konnte damit leben, dass die Internetverbindung in Tamraght bzw auch die WiFi Verbindung im Hostel nicht auf viel mehr als 3 Leute gleichzeitig ausgelegt war und dementsprechend recht häufig an Ihre Grenzen stieß.
Für gelegentliche Skype-calls sind wir ins Straßencafe an der Ecke, oder eines der Hotels in der Umgebung ausgewichen – was aber durchaus akzeptabel war.
Ein weiterer, viel wichtigerer Punkt den ich persönlich unterschätzt habe ist, dass man sich seine Umgebung entsprechend seinem persönlichen Workload und Tagesplan aussuchen sollte. Das ein Surfhaus, wo alle anderen „Urlaub“ machen (Vom fehlenden Schreibtisch mal ganz abgesehen), nicht unbedingt die produktivste Umgebung ist, um sich auf seine Arbeit zu fokussieren, liegt eigentlich auf der Hand. Welche Alternativen gibt es also um für sich selbst eine bessere Arbeitsatmosphäre zu schaffen?

So gemütlich arbeitet es sich im Sundesk

Ein Schreibtisch an der Sonne – Co-Working und Living im Sundesk

Ich wusste dass es in Taghazout schon seit einiger Zeit einen Co-Working Space gibt, welchen ich mir mal ansehen wollte, um herauszufinden wie die Leute hier arbeiten und leben.

Magdalena betreibt seit zwei Jahren das SunDesk, welches neben einer schnellen Internetverbindung mit stabilem WiFi auch vernünftige Schreibtische, einen Skype-Raum sowie alle anderen Annehmlichkeiten eines modernen Arbeitsplatzes bietet. Sonnenterasse mit Meerblick inklusive.

Hier wird übrigens auch jeden Morgen das leckere marokkanische Frühstück serviert, zu dem Inhaberin und Betreiberin Magdalena mich eingeladen hat. Das SunDesk liegt etwas versteckt in zweiter Reihe und damit nicht mehr in Hörweite des Trubels und Lärm der Hauptstraße. Der Duft von frischem Kaffee empfängt mich und die ersten Gäste sitzen bereits an Ihren Arbeitsplätzen und erledigen Ihre morgendlichen Aufgaben.

Zum gemeinsamen Frühstück finden sich alle auf der besagten Dachterasse mit Meerblick ein um gemeinsam entspannt und gestärkt in den Arbeitstag zu starten. Was mir direkt auffällt ist der auffällig deutlich gemischte Altersdurchschnitt. Vielleicht war mein Weltbild ortsunabhängiger Arbeitender bisher etwas anders geprägt, aber von klischee-Digitalnomaden ist hier keine Spur. Auch die Arbeitsfelder bzw. Jobs der anwesenden sind vielfältiger als man es in einem Co-Working Space zunächst erwartet. Ob Berater für Energieinnovation, Sexualtherapeutin oder Sinn-suchende die einfach nur vernünftiges Internet wollen.

Freiluft-Arbeitsplatz auf der Sonnenterasse

Das Frühstück geht fließend in die Arbeit über. Die meisten bleiben einfach auf der Terasse sitzen, klappen Ihre Laptops auf und kümmern sich um Ihre Aufgaben. Dieser entspannte, aber auch aufs Arbeiten fokussierte Vibe ist es, der viele von Magdalenas Gästen immer wieder kommen lässt. Eine davon ist Katja, die freiberufliche Musik-PR-Agentin, welche über die letzten Jahre Ihre Arbeitsstätte immer wieder zeitweise von Berlin nach Taghazout verlegt hat und die Annehmlichkeiten eines gut ausgestatteten Büros an einem Ort mit knapp 300 Sonnentagen im Jahr zu schätzen weiß. Surfen spielt bei den aktuell Anwesenden eine offensichtlich eher untergeordnete Rolle: Schönes Wetter und die Kultur der umliegenden Sehenswürdigkeiten sind hier mehr von Interesse. Natürlich bietet Magdalena auch dementsprechend für alle ein vollständiges Rahmenprogramm – Vom Surfunterricht über Yogastunden bis zu Kochkursen oder auch Exkursionen in die Region um Taghazout werden auch klassiche Freizeit-Ansprüche hier nicht vernachlässigt.

 

Eingang zum Banana Village Market
Über Vitaminmangel muss hier keiner klagen

Mein Fazit: keine falschen Kompromisse

Der goldene Weg der Mitte hat hier für mich nur suboptimal funktioniert, was aber letztlich eher auf meine etwas naive Planung zurückzuführen ist, innerhalb von 14 Tagen den Ansprüchen von surfen und arbeiten gleichwertig gerecht zu werden. Das führt bei entsprechend begrenztem Zeitbudget auf jeden Fall eher zu faulen Kompromissen auf beiden Seiten und unterbewusst zu mehr Stress als es einem persönlich -gerade im „Urlaub“- vielleicht lieb ist. Das nächste Mal also entweder länger bleiben, oder den Laptop zuhause lassen.

Grundsätzlich eignet sich Marokko, bzw die Gegend um Taghazout natürlich wunderbar für eine Surf-Auszeit im deutschen Winter – ob mit oder ohne Laptop im Gepäck. Marokko ist eines der sichersten und liberalsten islamischen Länder und besonders die Gegend um Taghazout ist aufgrund des jahrelangen Surftourismus bestens auf Westies eingestellt – mit allen Annehmlichkeiten und Nebenwirkungen.

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