Leben und arbeiten im Campervan:
Interview mit Kathi & Paul

Kathi und Paul haben Anfang 2016 Ihre Zelte in Deutschland abgebrochen und Ihre sicheren Jobs in Werbeagenturen an den Nagel gehängt um unabhängig und frei die Welt zu entdecken. Die beiden reisen seitdem als rollendes Kreativbüro unter dem Namen Vannomaden durch Europa und geben Dir hier ein paar Einblicke wie Leben und arbeiten zu zweit auf kleinstem Raum funktioniert.

Stellt Euch und Euren Van bitte kurz vor

Ahoi, am Steuer sind Kathi & Paul.
Wir haben vor etwa 1,5 Jahren Wohnung gegen Van getauscht und haben seither unser Büro an den schönsten Stränden und höchsten Bergen.
Wie das geht? Wir haben ein “Bureau Creative”, eine Agentur im Van gegründet und arbeiten, reisen und leben als „Vannomaden“ durch Europa.
Unser Van Bjørn ist ein Pössl 2WIN Plus und steht die vielen Kilometer und Länder tapfer mit uns durch – übers Nordkapp und den Lofoten zu den wilden Stränden Nordportugals und Gletscher Österreichs. Er verdankt seinen Namen der Tatsache, dass wir riesige Bärenfans und sogar Bärenpaten sind. Auf Isländisch heißt „Bambusbjørn“ Panda. Also haben wir unseren Van einfach Grizzlybjørn, kurz Bjørn, getauft. Wir mögen den Gedanken, dass uns ein starker, rotbrauner Grizzly auf seinem Rücken durch die Welt trägt.

Was war Eure Motivation dieses Vorhaben umzusetzen? – Gab es einen Schlüsselmoment im Leben der dazu geführt hat zu sagen „tschüss machts gut…“

Wir sind keine Fans des einfachen, bequemen Lebens und lieben Abenteuer, das nach Salzwasser oder Bergluft schmeckt und uns ein paar Lektionen des Lebens erteilt. Und die letzten Jahre wurde es einerseits zu „bequem“ im Stuttgarter Alltag, andererseits wollten wir nochmal ausbrechen, ins Ausland, mehr surfen, skaten und snowboarden. Dazu mussten wir mobil sein, um immer dahin fahren zu können, wo uns unser Herz hinträgt.
Einen klassischen Schlüsselmoment gab es, als wir beide ein Jobangebot in China bekamen, danach haben wir angefangen zu überlegen, was wir denn wirklich im Leben machen wollen.
Im Winter 2015 planten wir ganz geheim auf einer Berghütte und ein halbes Jahr später startete unser neverending roadtrip.
Zunächst als Experiment und hier haben wir die erste Lektion gelernt: erlaub dir, zu scheitern, es nimmt den Druck raus.

Lebt Ihr 100% im Van und wenn ja, wie lange schon?

So wurden also am 8. 7. 2016 wurden die Türen bei uns im Fahrerhäuschen zugeschmissen und wir machten uns auf dem Weg, um an den nördlichsten Punkt des europäischen Festlandes zu reisen.

Was sind die größten Probleme im Alltag?

Trotz aller vorheriger Erfahrung war das Leben im Van für uns neu. Einen Alltag gibt es nun praktisch nicht mehr und an jedem Platz beginnt die Suche nach allen Grund- und Sonderbedürfnissen wieder aufs Neue. Das kostet Zeit und Nerven.
Wo gehen wir einkaufen, wo kommt das Frischwasser her? Welchen Platz fahren wir zum Arbeiten an? Gibts gute Wellen zum Surfen? Wann ist die Telko mit Deutschland? Was in 4 Wänden und mit klassischem Büro tattäglich gegeben ist, das müssen wir uns oft mit viel Mühe einrichten. Dafür haben wir den Bonus des flexiblen Arbeiten und unendlich viel Inspiration, die wir uns in Mutter Natur holen können. Wir können arbeiten, wenn Sonntagmittag die Skipisten voll sind und Dienstag vormittag quasi alleine den Berg erklimmen.

Nennt 5 Dinge auf die Ihr im Van nicht verzichten wollt

  • LTE: gibts sogar Am Nordkapp oder am Pitztaler Gletscher. Für uns ist eine gute Internetverbindung natürlich zum Arbeiten essentiell.
  • Die Lieblingsdecke: als Abschiedsgeschenk von Kathis alter Firma überreicht bereist sie mit uns alle Länder. Übrigens wird mit jedem Kauf einer solchen Decke eine weitere an Obdachlose gespendet.
  • Das elektrische Handrührgerät: zum stromlosen Pfannkuchenteig machen on the road
  • Die Gießkanne: kleines Alltagsutensil, aber die rettet uns oft bei der Frischwasserversorgung. Die Longboards: zum schnellen mobilen Erkunden unserer Umgebung, einem lockeren Cruise zum Bäcker oder zum Wellencheck

Welche Schlüsse zieht Ihr nach 1,5 Jahren im Van daraus? Gibt es einen Plan-B bzw plant Ihr in absehbarer Zeit wieder sesshaft zu werden und wenn ja, wo?

Wir haben ein Bedürfnis festgestellt. Wie ein Seemann auf Reisen muss man eben auch manchmal an Land gehen. Deswegen wollen wir uns eine kleine Base oder einen Zufluchtsort schaffen, wo wir immer hinfahren können, wo wir Platz haben, wo wir Snowboards gegen Surfboards tauschen können und uns manchmal vom Reisen „ausruhen“ können.
Die Reise im Van ist ja für uns auch eine Reise zu uns selbst und wir freuen uns über jede Erkenntnis die wir so gewinnen und sehen mal, wo es uns hintreibt.

Grundsätzlich suchen wir aber in unserer Zeit als Vannomaden unseren „Platz in der Welt“. Wir haben unseren gesamten Hausstand oder Besitz dabei und wenn wir ein schönes Plätzchen finden, dann könnten wir direkt in unser neues Zuhause einziehen.
Bisher haben wir noch nicht unser perfektes Plätzchen gefunden, aber wenn wir ein Wunschkonzert hätten, dann am liebsten eine Stadt wie Gent auf einer Insel mit Lofoten-Feeling, Freeride-Skigebieten und Stränden wie in Galizien. Vielleicht ne Holzhütte, wo Paul das Holz selber geschlagen hätte und Kathi die Einrichtung selbst gebaut. Ein großer Garten. Und angrenzend der Garten von unseren besten Freunden.

Wie finanziert Ihr Euren Lifestyle? 

All die Reiseberichte und Bilder machen wir für unsere eigene Erinnerung und weil’s uns Laune macht.
Unser Geld verdienen wir damit gar nicht. Wir arbeiten als Kreativbüro. Das heißt wir entwickeln Logos, besondere Visitenkarten, machen Werbekampagnen, Fotoshootings, Prozessberatung, Illustrationen oder Websites. Unser Portfolio ist breit gefächert, schaut doch mal rein:
vannomaden.de/portfolio
Am liebsten sind wir natürlich im Boardsportsektor unterwegs, wir lieben es aber auch, uns in fremde Gebiete einzudenken und Probleme zu lösen, bevor sie welche sind 😉

Wie funktioniert Arbeiten und Leben auf so kleinem Raum zusammen?

Manchmal sind wir aber selber überrascht, wie toll wir uns beruflich ergänzen und trotzdem privat auf einer Wellenlänge sind. Wir würden aber trotzdem lügen, wenn wir sagen, dass immer alles Friede, Freude, Eierkuchen ist.
Natürlich gibt es bei zwei Menschen, Partner und Kollegen mal Reibereien.
Was wir dann machen? Reden und Verständnis zeigen. Der Grund für einen Streit ist ja meist ein nicht erfülltes oder verletztes Bedürfnis und das muss man herausfinden und behandeln.
Ansonsten versuchen wir, dass jeder auch seinen Freiraum hat, Zeit für sich und vor allem seine ganz eigenen Hobbies und Dinge, die ihm Spaß machen. Und so geht Paul mal zum Warhammer spielen oder zockt ein bisschen, während Kathi ins Museum geht oder in ihr Skizzenbuch kritzelt.

Wir haben bei unserer Abreise alle unsere Freunde in ein Gästebuch schreiben lassen – manchmal, wenn wir genervt sind, dann schauen wir da rein, das hilft auch! 😉

Arbeitet Ihr 100% remote oder habt Ihr ab und zu noch Kundenkontakt?

Das schöne an unserem Job ist, dass wir ihn machen können, wo immer wir wollen. Wir brauchen als digitale Nomaden nur unsere Laptops und Handys. Sogar die Inspiration wird gerne offline gesammelt. Trotzdem haben wir den Vorteil, dass wir – falls ein Meeting oder Kundenkontakt gewünscht ist – immer mobil sind und zum Kunden – wo immer der auch sitzt – hinfahren können. 90% sind wir deswegen, wo wir wollen und wenn wichtige Messen oder eine Agenturpräsentation anstehen, kommen wir auch gerne mit unserem Creative Mobil vorbei.

Was waren die größten Hürden auf dem Weg zu Eurem jetzigen Leben im Van?

Die eigene Angst. Vor dem Scheitern, vor dem Neuland, vor neuen Aufgaben und Verantwortungen.
Jetzt zurückzublicken und zu sehen, dass man sowohl die Selbstständigkeit, das Ressourcenmanagement, als auch das Leben in den unterschiedlichsten Ländern absolut meistern kann, ist wirklich großartig.

Wie geht Ihr mit Themen wie Krankenversicherung und Altersvorsorge um?

Eigentlich genauso wie bei anderen Selbstständigkeiten.
Wir haben eine Krankenkasse mit Auslandsversicherung (das kostet pro Jahr nur so 10 € mehr). Zum Glück mussten wir das nur einmal in Spanien in Anspruch nehmen, als Kathi in eine Maisdose getreten ist. Autsch!
Siet einiger Zeit haben wir eine private Altersvorsorge aufgebaut mit einem ganz coolen System. Erzählen wir gerne mehr, wenn es jemanden interessiert.
Grundsätzlich ist unsere Altersvorsorge aber: Glücklich sein! 🙂

Der Winter steht vor der Tür: Flüchtet Ihr ins warme oder wie geht Ihr damit um?

Wer uns ein bisschen verfolgt (zum Beispiel auf Instagram) der weiß: Wir lieben den Winter. Aktuell haben wir noch keine Pläne, aber tendenziell eher Schneesturm als Sonnenbrand! 😀 Den letzten Winter haben wir von November bis April im Alpenraum verbraucht und auch das Wintercamping absolut genossen!
Da wir eine Heizung haben sind Minusgrade mit dem richitgen Umgang auch kein Problem. Inzwischen sind wir richtige Kälteprofis, wer Fragen hat kann uns gerne anschreiben oder hier mal nachlesen.

   

Welche Tipps würdet Ihr jemanden geben der auch so leben möchte?

Stichwort Minimalismus: Es ist gleichermaßen erstaunlich und grandios wie wenig Sachen man eigentlich braucht. Hab und Gut reduzieren, Sachen zu verschenken oder zu verkaufen ist der erste Schritt zum Vanlife und gibt auch manchmal ein bisschen Startkapital.

Die richtige Mischung aus Planung und Überraschung: Bevor wir gestartet sind haben wir uns wirklich viele Abende zusammengesetzt und für Fahrzeugwahl und das Aufbauen von unserer Agentur und wichtigen Prozessen verwendet. Das wurde uns on the road gedankt. Denn die komplette Geschichte mit mobilem Büro und Roadtrip ohne Zwischenfälle (oder zumindest ohne Pannen und Totalschaden) ist uns wunderbar geglückt. Planen ist wichtig! Ganz zu Beginn haben wir jedoch jede Stadt geplant, ein paar Monate später uns nur noch treiben lassen. Beides waren Extreme und wir wollen versuchen, den goldenen Mittelweg zu finden.

Und zuletzt: Konzentrier dich auf eine Sache! Wir sind schon oft total ins Strudeln gekommen, weil wir Arbeiten, Reisen, Aussicht und Internet gleichzeitig haben wollten. Was man gerne zu Beginn vergisst, dass die Van-Logistik und die Sicherstellung der Ressourcen einfach Zeit in Anspruch nimmt und man nicht wie früher in einer Wohnung automatisch alles „da hat“.

Man kann alles machen! Vorletzten Winter waren die Gedanken, in einem Van durch die Weltgeschichte zu reisen und dabei Geld zu verdienen noch Seifenblasen – jetzt ist alles wahr geworden – und es funktioniert!
Also Leute: setzt euch hin und plant ein bisschen, dann könnt ihr eure Träume verwirklichen!

 

 

 

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